Schreiben als Therapie – Matthew Weiner im Interview auf der Berlinale

„Matthew Weiner 2011 Shankbone“ von David Shankbone
„Matthew Weiner 2011 Shankbone“ von David Shankbone

Äußerlich könnte der Mann, der gerade die Bühne betreten hat und schüchtern Richtung Publikum lächelt, nicht weiter von der von ihm erschaffenen „Man Men“-Serienfigur entfernt sein: Mit seiner Glatze, Jeans, schwarzem Pullover und rot-gestreiften Socken ähnelt der mehrfache Emmy- und Golden Globe-Preisträger Matthew Weiner eher dem Apple-Gründer Steve Jobs, als dem fiktiven Werber und Sexsymbol Don Draper.

Trotzdem, so erzählt Weiner wenige Sekunden später im Interview mit dem Produzenten Ben Gibson, stecke kein anderes Werk von ihm so voller biographischer Details und Themen wie seine Serie über die New Yorker Werbeagentur an der Madison Avenue, die „Mad Men“. Die Hauptfigur Figur der Serie, der vor Charme und Coolness nur so sprühende Don Draper, sei in einer Zeit entstanden, in der er sich intensiv mit der Philosophie des Existenzialismus auseinandersetzte: „Was stimmt mir nicht? Warum bin ich nicht glücklich? Ist das schon alles?“ habe er sich des Öfteren gefragt. Weiner hatte damit das Kernthema des Existenzialismus in eigene Worte gefasst: Wenn es keine höhere Macht gibt und der Mensch frei agiert und die Agenda seines Lebens bestimmt, wie soll er in einem Leben ohne Sinn glücklich werden? Anstatt sich einer Psychotherapie zu unterziehen, hat Weiner diese Fragen im Schreibprozess einfach auf Draper projiziert – und damit eine Figur der 1950er-Jahre kreiert, die uns heute in ihren Bann zu zieht.

Er habe zudem anhand von Drapers Leben verdeutlichen wollen, so Weiner, welchen unterschiedlichen gesellschaftlichen Ansprüchen eine Person in verschiedenen Situationen genügen müsse, ohne dabei Schwäche zu zeigen oder aus der Rolle zu fallen zu dürfen. Ob hier im Publikumsgespräch auf der Berlinale, beim Vorgespräch mit Ben Gibson vor der Veranstaltung oder auf dem Weg zur Berlinale allein im Auto – auch er spiele immer eine andere Rolle und sei in jeder Situation jemand anders. Don Draper dagegen jongliere noch viel mehr: Er spiele den erfolgreichen Kreativen, den Liebhaber und Macho, den treuen Ehemann. Draper sei dabei immer bemüht, den äußeren Schein aufrechtzuerhalten.

Bei einer solch zur Schau gestellten Überschneidung zwischen Drehbuchautor und Figur scheint es nur konsequent, dass Weiner die französische Auteur-Theorie, die Annahme der Regisseur sei der zentraler Gestalter des Films, infrage stellt. Neben dem gesamten Team drücke auch der Drehbuchautor dem Film seinen Stempel auf. Bereits die frühesten Script-Schreiber, wie der für das Drehbuch des „Der blaue Engel“ verantwortliche Robert Liebmann, hätten bewiesen, wie man eigene Motive –

wie beispielsweise das der Femme fatale – auch über mehrere Filme und mit unterschiedlichen Regisseuren weiterspinnen und damit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten kann. Scherzhaft merkt Weiner später an, die Rolle des Regisseurs sei vor allem die, den Schauspielern das Gefühl zu geben, vor einem begeisterten Publikum zu stehen, um so perfekt wie möglich ihre Rolle auszufüllen.

Obwohl das Schreiben seinen Tribut privat seinen Tribut zolle, sieht Matthew Weiner keine bessere Methode als die des Drehbuchschreibens, um sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Als der Schlussapplaus schon beinahe verebbt ist, geht er einen Schritt auf das Publikum zu und greift ein letztes Mal zum Mikrofon. Bevor er gehe, müsse er noch einen Satz sagen, den ihm ein Freund in einer Phase größter Erfolgslosigkeit mit auf den Weg gegeben habe:

If you can write, you can write your way out of everything.

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